Anja Heinrich | Mitglied des Landtages Brandenburg Direktmandat WK 37
 
















   
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24.09.2017, 14:50 Uhr | Übersicht | Drucken
„Auf ein Wort“ mit Anja Heinrich

Was erwarten Sie von einer unternehmerfreundlichen Verwaltung?

Wirtschaftsförderung ist für mich als Bürgermeisterin Chefsache und innerhalb einer Verwaltung in einer Stabstelle mit den unterschiedlichen Fachbereichen verankert. Die Verwaltung muss sich als Dienstleister für die vielfältigen Unternehmen bewähren, deren Strukturen in ihrem Bestand stärken und bei beabsichtigten Investitionen unterstützen. Dabei ist eine aktive Kooperation mit der Wirtschaftsförderung Brandenburg, dem Landkreis Elbe-Elster, der BTU Senftenberg und Cottbus, sowie den universitären Institutionen in Brandenburg und Sachsen, der Handwerkskammer und Industrie- und Handelskammer unerlässlich. Die Unternehmen sollten nicht nur durch den Gewerbesteuerbescheid mit ihrer Stadtverwaltung kommunizieren.


Welche Bedeutung hat für Sie das Gründerzentrum?

Ich freue mich sehr, dass der Verkauf des Gründerzentrums im Gewebegebiet Ost nicht mehr anvisiert wurde. Das Elsterwerdaer Gründerzentrum ist eine im Landkreis Elbe-Elster einmalige Institution, die das Potenzial hat, für Startup Unternehmen in Kooperation mit den genannten professionellen Partnern neu konzipiert zu werden.

Es gab die Überlegung, die AGREDA nicht mehr fortzusetzen … -

Wir leben in einer ländlichen Region. Zahlreiche Unternehmen sind verbunden mit der industriellen und privaten Landwirtschaft, mit der Lebensmittelherstellung und mit Technologien der Landwirtschaft und Ernährung. Denken Sie an die großen Agrarunternehmen, an IMPULSA, an das Elsterwerdaer Milchwerk die ODW Frischprodukte GmbH, an GIZEH, an die Mineralquellen Bad Liebenwerda, an die Hofmärkte, Imkereien, Jagd, - Fischerei – und Forstwirtschaft, an kompetente Partner wie Pro Agro oder die Brauerei Finsterwalde. Ich könnte die Auflistung noch unendlich fortsetzen. All diese Unternehmen gehören zu unserer Region, prägen unser Leben und sind für viele Menschen unerlässliche Existenzgrundlage. Es wird eine meiner ersten Amtshandlungen sein, die AGREDA als wichtige Landwirtschaftsmesse zu qualifizieren, um den Wirtschaftsstandort Elsterwerda länderübergreifend zu profilieren

Sie waren von 2003 bis 2014 Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung in Elsterwerda und haben sich auch als Angeordnete des Landtages für die Ortsumfahrungen eingesetzt. Wie geht es weiter bei der Infrastruktur?

Ich erinnere mich gern an die Zeit als Vorsitzende unserer Stadtverordnetenversammlung und als Nachfolgerin von Ilse Rosche. Natürlich wurde um die besten Lösungen und Vorschläge mitunter heftig gestritten. Aber ich war stolz auf das damalige städtische Gremium, auf den respektvollen Umgang und die gute Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung. Fraktionsübergreifend haben sich alle Abgeordneten nach ihren Möglichkeiten bemüht, die Planungen zur Ortsumfahrung B169 und B101 zu beschleunigen. Allein seit 2009 habe ich zahlreiche parlamentarische Anfragen in diesem Kontext initiiert. Aktuell sind die Planungsstände mit dem Ziel 2030 ernüchternd. Es muss unsere Aufgabe sein, nicht nachzulassen, beide Ortsumfahrungen vehement einzufordern, sie fachlich zu begleiten und in den städtischen Gremien zeitnah und regelmäßig zu informieren. Gleiches gilt für den Hochwasserschutz, der nach wie vor für das Stadtgebiet nicht gegeben ist.

Sie waren seit 2009 als direkt gewählte Abgeordnete ihres Wahlkreises Mitglied im Landtag Brandenburg und Mitglied des Ausschusses für Wissenschaft, Forschung und Kultur. Was nehmen Sie aus dem Erfahrungsschatz der Arbeit im Fachgremium mit nach Elsterwerda?

Es ist ein reicher und umfassender Erfahrungsschatz, eine ganz persönliche Qualifizierung und Kompetenzerweiterung zu den politischen Strukturen, zur Gremienarbeit, zu den Prozessen politischer Entscheidungsfindung und Wissen um Zuständigkeiten und Netzwerke. Es ist aber auch eine menschliche Ebene, weit über den parteilichen Zugehörigkeiten, in allen Fraktionen kompetente Ansprechpartner, Austausch und gegenseitige Unterstützung erfahren und gelebt zu haben.

Sie haben sich besonders als Sprecherin für Kultur der Landtagsfraktion in all den Jahren viel Anerkennung erarbeitet. Welche Rolle spielen Kultur und Tourismus für Sie in Elsterwerda?


Als Kulturpolitische Sprecherin der CDU Fraktion habe ich das Land Brandenburg, unsere Partner und viele beeindruckende Institutionen und Konzeptionen im Kulturbereich kennengelernt und fachlich begleiten dürfen. Kulturförderung ist Wirtschaftsförderung! Bewiesen wurde dies allerorts, wo kluge Akteure und Konzepte zum Tragen kommen. Denken Sie an die Erste Brandenburgische Landesausstellung in Doberlug /Kirchhain, an das Kloster und das Museum 1547 Mühlberg, an das seit Jahren im Landkreis Elbe-Elster erfolgreiche Puppentheaterfestival, an die Museen in Finsterwalde, Doberlug/K. oder Bad Liebenwerda. Städte und Gemeinden, die attraktiv sind, die in Kultur und Tourismus investieren, sind auch für Unternehmensansiedlungen und für Familien als Lebensmittelpunkt interessant.

Was macht Elsterwerda für Familien interessant?
Unsere Stadt hat ein hervorragendes Bildungsangebot, was die Schulformen betrifft. Beginnend in unseren Kindertagesstätten, denken Sie an die Grundschulen, Oberschule, Gymnasium, Berufsschulen, Volkshochschulen, Musikschulen, Grundbildungszentrum , Abendklinik, Seniorenakademie und besonders wichtig erachte ich den Erhalt des Angebotes der Förderschulen. Ich kann nicht verstehen und werde es auch nicht unterstützen, dass die hohe Fachlichkeit unserer Förderschulen abgeschafft und mit einer Überforderung der regulären Schulformen einhergeht. Verlierer sind unsere Kinder und Lehrkräfte. Selbst die europäische Behindertenrechtskonvention schrieb nicht die Abschaffung der Förderschulen vor. Diesen Fehler werden wir irgendwann gesellschaftlich teuer bezahlen. Nicht unterschätzen darf man das Sicherheitsbedürfnis eines Menschen. Daher sollten wir alles unternehmen, um die Präsenz der Polizei in Elsterwerda und ihren Ortsteilen beizubehalten.

Viele Bürger sorgen sich um den zunehmenden Leerstand der Geschäfte im Stadtzentrum. Könnten Sie als künftige Bürgermeisterin helfen?
Der Online-Commerce in Deutschland macht im letzten Jahr 44,2 Milliarden Euro Umsatz. Verlierer dieser Entwicklung sind bisher die regionalen Einzelhändler. Ein professioneller Online-Shop ist für den einzelnen Händler finanziell und personell oft nicht umsetzbar. Umsetzbar ist ein lokales Onlineversandhaus, mit dem andere Städte bereits erfolgreich sind. Die Infrastruktur für eine gemeinsame Internetplattform mit den Angeboten der Einzelhändler sollte im Rahmen der Wirtschaftsförderung durch die Stadt zur Verfügung gestellt werden. Unerlässlich bleibt ein attraktives städtisches Umfeld!

Wenn Sie selbst mal Freizeit haben, was unternehmen Sie am liebsten?

Freizeit und Urlaub gibt es tatsächlich nicht im Überfluss. Elsterwerda hat mit der Schwarzen Elster, der Pulsnitz, seinen Ortsteilen und dem nahegelegenen Niederlausitzer Heidepark eine herrliche Umgebung, um mit Familie und Hündin Hermine spazieren zu gehen. Gibt es mal etwas mehr Zeit, dann fühle ich mich beim Wandern im Zittauer Gebirge ebenso wohl wie zu den kalten Jahreszeiten auf der Insel Hiddensee. Wo Natur noch erlebbar ist, da kann ich Kraft schöpfen.

Lebensmittelpunkt ist ein gutes Stichwort. Wie sehen Sie die medizinische Versorgung?

Jahrhundertelang war es die Großfamilie, in der Jung und Alt gemeinsam immer wieder den Kreislauf von Geburten, Krankheiten, Pflege und Tod begleiteten.
Was früher als Teil eines Familienlebens, als Teil der Generationsaufgaben verstanden wurde, haben wir in der Moderne an professionelle Spezialisten delegiert – an Mediziner, Pfleger, Pfarrer, Sozialarbeiter und Management. Heute ist nicht selten der Mediziner, der Pfleger, der Sozialarbeiter der Ersatz für all die Zuneigung und Versorgung, die einst durch Familien getragen wurden. Noch immer haben wir eine gewisse Realitätsverweigerung bei der politischen und fiskalischen Betrachtung, wenn ein niedergelassener Arzt oder ein Klinikum neben dem hohen fachlichen Anspruch, der ständigen Wissensakquise auch der menschlichen Nähe und Fürsorge gerecht werden soll. Noch immer haben wir eine unzureichende Honorierung des gesetzlichen Systems.

Und wie schaut es in Elsterwerda aus?

Jeder Mediziner, Pflegedienst, Therapeut im stationären oder ambulanten Bereich ist eine Bereicherung in unserer Stadt. In Elsterwerda haben wir das große Glück, mit einem Standort der Klinikum Elbe-Elster GmbH nicht nur den größten Arbeitgeber der Region vor Ort zu wissen, sondern ein engagiertes und kompetentes Mitarbeiterteam direkt vor unserer Haustür. Ich erinnere mich noch gut daran, dass dieser Standort mal so nebenbei „verschachert“ werden sollte. Schön, dass das mal eben nicht geklappt hat!

Sie sind auch seit 1998 in Vereinen der Stadt aktiv, seit vielen Jahren selbst Vorsitzende des Heimatvereins Elsterwerda & Umgebung e.V. Wie schaffen Sie das neben Ihren beruflichen Pflichten?

Vereinsleben muss man wollen und für sich persönlich abwägen, wo man sich engagieren möchte. In Elsterwerda gibt es zahlreiche und auch sehr erfolgreiche Vereine und Selbsthilfegruppen. Das ist für eine Stadt und dessen gesellschaftliches Leben ein großes Pfund, was es lohnt, zu unterstützen und über Generationen Bewährtes zu erhalten. Im Heimatverein wurde ich aufgenommen wie in einer großen Familie. Es spielte keine Rolle, wo jemand herkommt, was er beruflich macht, wie er politisch denkt. In diesem Verein habe ich viel Respekt, herzliche Freundschaften und besondere Begegnungen erfahren dürfen, die ich niemals missen möchte. Ich bin ein sehr offener und an Kultur und Geschichte interessierter Mensch und führe diese ehrenamtliche Arbeit auch als Bürgermeisterin mit gleichem Herzblut fort.

Als Sie sich damals aus dem Stadtparlament verabschieden mussten, um anderen Aufgaben auf Landesebene gerecht werden zu können, sagten Sie wörtlich und mit dem Ihnen eigenen Humor „ich werde kein bisschen leiser“

Das habe ich so gemeint und wie Sie wissen auch praktiziert. (lacht). Ich finde das Leben ist etwas sehr Kostbares. Wenn ich von etwas überzeugt bin, dann fasse ich einfach selbst an und warte nicht, dass jemand anderes das für mich tut. Als der Schlosspark in Elsterwerda noch vor Jahren in einem erbärmlichen Zustand war, initiierte ich das alljährliche „Harken mit Anja“. Als die Stadtbibliothek immer wieder Thema in den Haushaltsberatungen war, warb ich erfolgreich für Bibliothekspaten zu Gunsten unserer Kinder, initiierte mit dem Heimatverein und der Sparkasse Elbe-Elster den ersten offenen Bücherschrank. Als die Partnerstadt Vreden um Unterstützung für Notleidende in Weißrussland warb, initiierte ich mit dem CDU Stadtverband Elsterwerda einen Hilfskonvoi mit 40 Tonnen Hilfsgüter und reiste selbst vor Ort. Die Stadt Elsterwerda hat kein eigenes Museum, also erarbeitete ich selbst ein Konzept für ein Freilichtmuseum städtischer Geschichte für den Stadtpark. Einfach machen!

Und wie war das mit dem Historischen Stadtspaziergang?

Viele wissen um die nicht gering zu schätzenden, positiven Veränderungen in der Stadt, haben aber dennoch den berechtigten Eindruck des Stillstands und der Identitätslosigkeit. Anstatt auf andere zu warten, inszenierte ich den Historischen Stadtspaziergang. Durch tolle und fleißige Helfer ist dieser seit 6 Jahren ein riesen Erfolg. Ich wollte, dass wir Elsterwerda mit anderen Augen sehen, wieder hinschauen auf das Besondere, wieder stolz empfinden auf unsere Stadt, gut über uns selbst sprechen und wieder Freude haben, diese Stadt zu erleben und zu erfahren. Es war nicht nur mir eine Freude, das erste Elsterwerdaer Bier „Das Köckritzer“ mit Unterstützung der Brauerei Finsterwalde zu inszenieren. Bald kommt ein Elsterwerdaer Bierbrotleib in eigens dafür hergestellten Behnerten dazu. Das sind doch kleine Schritte, aber man muss es doch erstmal tun und nicht warten, dass andere einem das Denken und Handeln abnehmen! Ja, daran habe ich Freude und lasse mich nicht beirren, für die Stadt Elsterwerda zu werben.

Zum Schluss noch eine private Frage – wie bekommt eine Bürgermeisterin Beruf und Familie unter einen Hut?

Als ich 1998 in Vollzeit begann zu arbeiten, meine Mutter an Amyotropher Lateralsklerose erkrankte, war ich alleinerziehende Mutter von 2 Kindern und absolvierte nebenbei ein 3 jähriges Zusatzstudium in Berlin. Wenn man sich dann ständig fragen würde, wie oder ob man das schafft, kann man gleich aufhören. Ich bin stolz auf meine beiden schon erwachsenen Kinder, auf einen liebevollen und verständnisvollen Partner und bin dankbar für einen wunderbaren Freundeskreis und manchmal hilft auch einfach ein wenig Gottvertrauen.

Mit Anja Heinrich sprach Sylvia Hartmann


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